Thomas Hirmer

4 Fragen

an unseren Regionalbotschafter
aus Berlin

Veröffentlicht am: 23.09.2025

Ein Interview mit Thomas Hirmer von der Schwarze Café GmbH

Um bundesweit Best Practices zu erarbeiten, hat das NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge im siebten Jahr Betriebe aus den einzelnen Bundesländern ausgewählt, die für ein Jahr den Titel „Regionalbotschafter*in“ tragen. So entsteht ein Netzwerk von Expert*innen, das die Arbeitsmarktintegration praktisch lebt und die Expertise an Unternehmen in der Region weitergibt. In Form von kurzen Interviews möchten wir hier unsere Regionalbotschafter*innen vorstellen.

Für Berlin sprachen wir mit unserem Regionalbotschafter Thomas Hirmer. Als Küchenchef und Ausbilder im Schwarzen Café Berlin setzt er sich für die Arbeitsmarktintegration Geflüchteter ein. Diese Erfahrungswerte möchte er nun weiter geben.


Ich bin Regionalbotschafter, weil …

… ich täglich in meinem Betrieb erlebe, wie wichtig es ist, Menschen mit Flucht- und Zuwanderungsgeschichte echte berufliche Perspektiven zu eröffnen. Gerade in der Gastronomie ist der Fachkräftemangel massiv spürbar. Wir finden kaum noch Köch*innen oder Küchenhilfen. Deshalb bilden wir selbst aus, und ein großer Teil unserer Lehrlinge hat einen Fluchthintergrund. Ich sehe es als unsere Verantwortung, diesen Menschen eine Chance zu geben. Viele von ihnen sind geblieben und tragen heute als fester Teil unseres Teams zum Erfolg des Betriebs bei. Als Regionalbotschafter möchte ich zeigen, dass Integration nicht nur notwendig, sondern auch eine echte Bereicherung für unser Team und unsere Arbeit ist.

Meine beste Erfahrung in der Arbeit mit Geflüchteten und Zugewanderten ist,

… dass aus der Zusammenarbeit echte Freundschaften entstanden sind. Ich habe viele dieser jungen Menschen selbst ausgebildet. Heute arbeiten wir auf Augenhöhe zusammen – vom Auszubildenden bis hin zu einem Kollegen, der mit 78 Jahren noch regelmäßig fünf Schichten pro Woche übernimmt. Wir lernen voneinander – beruflich und persönlich. Ich selbst bin seit 25 Jahren in der Küche tätig und profitiere sehr von den Erfahrungen, die Kolleg*innen aus anderen Ländern einbringen. Unsere Teams sind bunt und vielfältig, das bringt Dynamik, Kreativität und neue Perspektiven. Das macht nicht nur die Arbeit angenehmer, sondern schafft auch ein Arbeitsumfeld, in dem sich alle wohlfühlen können.

Schwierig war bei uns zunächst…

… wie wir mit mehreren Hürden gleichzeitig zu kämpfen hatten: Sprachbarrieren, schwierige Wohnverhältnisse und aufenthaltsrechtliche Unsicherheiten. Ein Beispiel: Ein afghanischer Lehrling war stark frustriert vom Berufsschulunterricht, seine Deutschkenntnisse reichten nicht aus, und die schulische Förderung war lückenhaft. Während der pandemiebedingten Schließzeit des Cafés haben wir kurzerhand selbst Deutschunterricht organisiert, mit Hilfe von Studierenden und engagierten Rentner*innen. Das hat funktioniert: der Kollege arbeitet bis heute bei uns.
Auch rechtliche Probleme haben uns herausgefordert: Ein Lehrling musste mitten im zweiten Lehrjahr ausreisen, weil Fristen versäumt wurden. Da konnten wir nicht mehr helfen. Das war bitter.
Ein dauerhaftes Problem ist die Wohnungssuche: Einige Azubis haben keine eigene Wohnung, schlafen bei Freunden und wechseln ständig den Aufenthaltsort. Auch hatten wir Azubis, die noch in Gemeinschaftsunterkünften wohnen mussten und keine eigene Wohnung finden konnten. Das erschwert die Konzentration auf die Ausbildung enorm. Wir unterstützen deshalb gezielt beim Beantragen von Wohngeld, finanzieren das Deutschlandticket und übernehmen Schulmaterialien. So schaffen wir Stabilität.

Den Betrieben in Berlin gebe ich mit, …

… dass sie sich öffnen sollten. Der Fachkräftemangel lässt sich längst nicht mehr allein mit deutschen Bewerber*innen lösen. Internationale Mitarbeitende sind ein zentraler Teil der Lösung. Wer sich vernetzt, etwa über Projekte wie ARRIVO, und bereit ist, junge Menschen zu unterstützen, wird davon profitieren. Ein Beispiel: Ein junger Ukrainer hatte anfangs nicht genug Deutschkenntnisse für die Ausbildung. Durch unsere Zusammenarbeit mit ARRIVO konnten Sprachkurse organisiert und erste Praxiserfahrungen im Café ermöglicht werden. Mein Appell an andere Betriebe: Lasst die jungen Leute nicht im Regen stehen. Diversität ist eine Chance – fachlich, menschlich und gesellschaftlich.