Ausbildung und Beschäftigung von Geflüchteten in Zeiten der Corona-Pandemie

Pressemeldung

Ausbildung und Beschäftigung von Geflüchteten in Zeiten der Corona-Pandemie

Berlin, 13. Mai 2020. Die Corona-Pandemie führt bei vielen Betrieben zu wirtschaftlichen Einbußen. Laut aktueller DIHK-Blitzumfrage unter mehr als 10.000 Unternehmen leiden 60 Prozent der Betriebe weiterhin unter einer gesunkenen Nachfrage. Vier von fünf Unternehmen erwarten für das gesamte Jahr Umsatzeinbrüche. Mehr als ein Drittel müssen die Investitionen zurückschrauben. In diesem Umfeld sind die Ausbildung und Beschäftigung von Geflüchteten eine noch größere Herausforderung als ohnehin schon. Wie gehen Unternehmen mit dieser Aufgabe um? Darüber diskutiert das NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge auf einer digitalen Netzwerktagung.

Foto: DIHK / Jens Schicke

Achim Dercks, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK):

„Für weite Teile der Wirtschaft ist die Corona-Krise eine existenzielle Frage. Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir noch schwierige Monate vor uns haben. Beschäftigte sind vermehrt in Kurzarbeit, Arbeitsplatzverluste z.B. infolge von Insolvenzen werden sich nicht immer vermeiden lassen. Bei geflüchteten Menschen in Ausbildungs- oder Beschäftigungsduldung hängt vom Arbeitsplatz auch der befristete Aufenthalt in Deutschland ab, so dass hier eine noch größere Verunsicherung mit einer solchen Entwicklung verbunden ist – und auch für die betroffenen Betriebe die Situation dadurch noch schwieriger wird.“

Bei Abbruch oder Verlust der Ausbildung hat ein Geflüchteter, der sich in Ausbildungsduldung befindet, einmalig sechs Monate Zeit für die Suche eines neuen Ausbildungsplatzes, ohne dass seine Duldung erlischt. Geflüchtete, die sich in einer Beschäftigungsduldung befinden, haben nach Verlust dieser Arbeitsstelle drei Monate Zeit, einen neuen sozialversicherungspflichtigen Job zu finden. Zwar sind aktuell aufgrund der Einschränkungen rund um COVID-19 die Asylverfahren und entsprechend auch Abschiebungen ausgesetzt, doch inwieweit die gesetzlich geregelte Frist in der aktuellen wirtschaftlichen Situation zur Suche einer neuen Ausbildungs- oder Arbeitsstelle reicht und wie viele Menschen in Duldung im Zuge dessen von einer Abschiebung bedroht sind, wird sich wohl erst in den kommenden Monaten zeigen.

Komplette Auswirkungen sind noch nicht absehbar

Das NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge stellt drei Betriebe vor, die die Ausnahmesituation von Ausbildung und Integration von Geflüchteten in der Corona-Krise auf kreative Art und Weise bewältigen.

Ulla Kampers, Personalleiterin der Nordluft Wärme- und Lüftungstechnik GmbH & Co. KG, beschäftigt aktuell zwei Menschen mit Fluchthintergrund – einen Afghanen in Ausbildung und einen Syrer, der die Ausbildung im Unternehmen bereits erfolgreich abgeschlossen hat und nun als Fachkraft tätig ist: „Das größte Problem für unseren Auszubildenden mit Fluchthintergrund ist, dass er derzeit weder Berufsschul- noch Sprachunterricht erhält. Bis zu seinen Prüfungen im Sommer muss er also sehr schnell viel nachholen. Ich hoffe, dass er es schafft.“ Doch trotz Schwierigkeiten sieht sie auch die Chancen für die Zukunft: „Die Krise hat durchaus auch positive Effekte. Wir rücken – wenn auch nicht im physischen Sinne – näher an unsere Mitmenschen heran, insbesondere an unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Beide Seiten arbeiten daran, die Sorgen des anderen zu berücksichtigen. Ich bin guter Dinge, dass wir auch diese Krise in den Griff bekommen. Zusammen sind wir stark.“

Vier Personen sitzen an einem Tisch und reden
Ulla Kampers von der Nordluft Wärme- und Lüftungstechnik GmbH & Co. KG. Foto: NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge / Markus Braumann (offenblen.de)

Die Not macht erfinderisch

Michael Guttrof, Geschäftsführer des Bremer Logistikunternehmens Kopf + Lübben GmbH, ergänzt: „Auch wenn die aktuelle Situation unser Unternehmen wirtschaftlich stark belastet und wir durch ausbleibende Berufsorientierungstage vermutlich Schwierigkeiten haben werden, alle Ausbildungsplätze in diesem Jahr besetzen zu können, macht die Krise doch auch erfinderisch. Das Arbeiten aus dem Homeoffice war beispielsweise schon länger ein Thema im Unternehmen. Nun haben wir die technischen Voraussetzungen und auch entsprechende Erfahrungen sammeln können. Außerdem haben wir mit der Logistik-Initiative Hamburg ein virtuelles Azubi-Speed-Dating durchgeführt, in dem sich unterschiedliche Unternehmen aus der Logistikbranche als Arbeitgeber vorstellen konnten. Die erste daraus resultierende Bewerbung liegt uns mittlerweile vor. So findet man nach und nach Lösungen, die auch für die Zeit nach der Pandemie von Vorteil sein können.“

Ein Mann lächelt
Michael Guttrof von der Kopf + Lübben GmbH. Foto: NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge / Bernd Brundert

Christian Schröder, Personalleiter im mecklenburgischen Ressort SCHLOSS Fleesensee, weiß die derzeitige Situation für die Auszubildenden gut zu nutzen: „Kurzarbeitergeld für Auszubildende ist bei uns glücklicherweise noch kein Thema. Stattdessen sind wir im regen Austausch mit den Berufsschulen, um Lehrinhalte abzusprechen. Zusätzlich führen wir Schulungsmaßnahmen durch und räumen den Auszubildenden sogenannte Lernzeiten ein, die sie dann zu Hause umsetzen. Darüber hinaus können wir alle Auszubildenden trotz Schließung des Ressorts sinnvoll beschäftigen – In Absprache mit allen Beteiligten auch mal mit fachfremden Inhalten. In den letzten Wochen haben wir beispielsweise viele geplante Renovierungsarbeiten vorgezogen, Grundreinigungsarbeiten durchgeführt sowie den Schlosspark und die Gartenanlagen auf Vordermann gebracht. Mit einer großen Gruppe an Auszubildenden, die zusammen mit Fachkollegen auch fachübergreifend an Instandsetzungsarbeiten mit Hand anlegen, werden die Arbeiten hervorragend und bei guter Stimmung umgesetzt. Das Ressort sieht blendend aus.“

Zwei Männer lächeln
Christian Schröder vom SCHLOSS Fleesensee. Foto: NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge / Viktor Strasse (offenblen.de)

Weitere Informationen

Das NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge wurde 2016 als gemeinsame Initiative des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) und des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie gegründet. Mit seinen mehr als 2.400 Mitgliedern ist es deutschlandweit der größte Zusammenschluss von Unternehmen, die sich für die Beschäftigung von Geflüchteten engagieren. Die Angebote des NETZWERKs von Beratung und Informationsmaterialien über Webinare bis hin zu Workshops und Veranstaltungen sind wie die Mitgliedschaft kostenlos. Weitere Informationen gibt es unter www.nuif.de.

Interviews mit Unternehmen und Pressebilder

Gern stellen wir den Kontakt zu den o.g. Personen her, wenn Sie an einem Einzelinterview interessiert sind.

Unter folgendem Link können Sie zudem Bilder für journalistisch-redaktionelle Zwecke herunterladen: Download-Link.

Download der Pressemeldung als PDF.

Pressekontakt

Ellen Boettcher
NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge
E-Mail: boettcher.ellen@dihk.de
Tel.: 030 20308 6552

DIHK stellt Erfahrungen der letzten drei Jahre zusammen

Eine Zwischenbilanz des Ende Februar 2016 von der IHK-Organisation gestarteten Aktionsprogramms „Ankommen in Deutschland – Gemeinsam unterstützen wir Integration!“ hat nun der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) vorgelegt.

Für die Publikation fragte der DIHK die 79 Industrie- und Handelskammern (IHKs) unter anderem danach, welche Erfahrungen sie mit der Integration von Geflüchteten in Ausbildung und Beschäftigung gesammelt haben, welche Themen aus Sicht der Unternehmen besonders im Fokus stehen und wie die Umsetzung der „3+2-Regelung“ zur Ausbildungsduldung in den Regionen läuft.

Von 2016 bis 2019 hat die IHK-Organisation 62 Millionen Euro für die Integration von Geflüchteten investiert; 120 Mitarbeiter deutschlandweit beschäftigen sich mit diesem Thema.

Mann im Anzug auf dem Podium

Achim Dercks, stellv. DIHK-Hauptgeschäftsführer. Foto: DIHK / Nils Hasenau

Dr. Achim Dercks, stellv. Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), fasst zusammen: „Die IHKs verfügen über eine umfangreiche Expertise und praktisches Know-How zum Thema Integration und stehen Unternehmen und Geflüchteten mit zahlreichen Angeboten zur Seite. Fast alle IHKs bieten individuelle Beratungen (77 IHKs), Informationsveranstaltungen (74 IHKs) sowie zielgruppenspezifische Informationsmaterialien (73 IHKs) an.“

Den Beratungsbedarf der Unternehmen schätzen die IHKs weiter als hoch ein. Besonders viele Fragen haben die Betriebe nach wie vor zu den rechtlichen Rahmenbedingungen für die Einstellung und Beschäftigung von Geflüchteten, vor allem zu Aufenthaltsstatus und Bleibeperspektive, Beschäftigungserlaubnis und zunehmend auch zur Ausbildungsduldung.

Um Unternehmen die Beschäftigung und Ausbildung von Asylbewerbern zu erleichtern, schlägt die IHK-Organisation vor,

  • die Rechts- und Planungssicherheit in der Ausbildung zu verbessern, konkret einen gesicherten Schutz vor Abschiebung während der Einstiegsqualifizierung zu schaffen, eine einheitliche Umsetzung der 3+2-Regelung durch die Ausländerbehörden sicherzustellen und die Asylverfahren zu beschleunigen,
  • einen einheitlichen Zugang zu den Instrumenten der Ausbildungsförderung zu gewährleisten,
  • flexiblere Angebote der Deutschsprachförderung – insbesondere in Form von berufsbezogenen Sprachkursen – bereitzustellen und
  • bürokratische Abläufe und Zuständigkeiten zu erleichtern und zu vereinfachen, damit Einstellungen schneller vorgenommen werden können.

Auswertung des IHK-Aktionsprogramms „Ankommen in Deutschland – Gemeinsam unterstützen wir Integration“:

Sie können die Auswertung mit weiteren Details

als pdf herunterladen.

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